{"id":121,"date":"2012-02-14T14:22:17","date_gmt":"2012-02-14T14:22:17","guid":{"rendered":"http:\/\/das-s-wort.de\/?p=121"},"modified":"2012-02-15T08:22:58","modified_gmt":"2012-02-15T08:22:58","slug":"strafabgabe-fur-ressourcenschonung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/das-s-wort.de\/?p=121","title":{"rendered":"Strafabgabe f\u00fcr Kinderlose"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Willen\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2012-02\/union-kinderlose-sonderabgabe\">einiger junger Unionspolitiker<\/a> sollen\u00a0Kinderlose k\u00fcnftig ab dem Alter von 25 Jahren mit einer Sonderabgabe belegt werden, weil, so die altbekannte Leier, angeblich\u00a0die sozialen Sicherungssysteme\u00a0 nicht funktionieren, wenn zu wenig Kinder geboren werden. Nun braucht man wohl nicht extra darauf hinzuweisen, dass die Idee, dem Kinderwunsch mit Strafsteuern auf die Spr\u00fcnge zu helfen, an Zynismus und Kinderfeindichkeit kaum zu \u00fcberbieten ist. Auch die Altersgrenze von 25 Jahren, ab der nach dem Willen der Unionspolitiker die Sonderabgabe f\u00fcr Kinderlose gelten soll, erscheint ein wenig, nun, gewagt.\u00a0Zumindest sollte sich die Politik dann\u00a0wohl erstmal von dem Wunsch verabschieden, vor allem die Akademikerinnen in die Krei\u00dfs\u00e4le treiben zu wollen, denn unter den jetzigen Bedingungen lassen sich Studium und Elternschaft nicht besonders gut vereinbaren. Vor allem, wenn man noch die W\u00fcnsche der Arbeitgeber ber\u00fccksichtigt: z\u00fcgiges Studium, dabei Arbeitserfahrung sammeln, am besten im Ausland, mehrere Fremdsprachen flie\u00dfend sprechen &#8211; und dann noch ein Kind gro\u00dfziehen (genauer: zwei Kinder, denn auch Eltern von nur einem Kind sollen zumindest die halbe Sonderabgabe blechen, die faulen S\u00e4cke)? Ich glaube, daran scheitert sogar die super-flexible, allzeit verf\u00fcgbare, Multitasking-f\u00e4hige junge Generation.<\/p>\n<p>Doch auf all das kommt es letztlich gar nicht an. Die Debatte, wie man denn nun den Deutschen am besten ihre Zeugungs- und Geb\u00e4runwilligkeit austreiben k\u00f6nnte, geht in die v\u00f6llig falsche Richtung. Die \u00fcberraschende Wahrheit ist n\u00e4mlich: es werden\u00a0eben <em><strong>nicht<\/strong><\/em> zu wenig Kinder geboren, und der Geburtenr\u00fcckgang ist f\u00fcr Deutschland ein Segen.<\/p>\n<p><strong>Ein pyramidenf\u00f6rmiger Bev\u00f6lkerungsaufbau\u00a0und Langlebigkeit gehen nicht zusammen<\/strong><\/p>\n<p>Wir kennen das: unsere Bev\u00f6lkerungsstruktur sei alles andere als optimal, weil sie weniger einer Pyramide (viele Junge unten, wenige Alte an der Spitze), sondern mehr einer Urne\u00a0 \u00e4hnelt. (Dabei ist das Bild der Urne, das mit Tod assoziiert wird, f\u00fcr sich allein genommen schon Panikmache und Propaganda. Genausogut k\u00f6nnte man an eine h\u00fcbsche Vase denken). Nun sind Pyramiden beeindruckende Bauwerke; als Abbild einer Bev\u00f6lkerungsstruktur jedoch sind sie der reine Albtraum. Sie verk\u00f6rpern n\u00e4mlich mitnichten eine junge, dynamische Gesellschaft, sondern im Gegenteil eine Bev\u00f6lkerung mit geringer durchschnittlicher Lebenserwartung und hoher Kinder- und Jugendsterblichkeit. Steigt die Lebenserwartung und sinkt die Kinder- und Jugendsterblichkeit, so l\u00e4sst sich eine Pyramide nur durch st\u00e4ndiges massives Bev\u00f6lkerungswachstum aufrechterhalten: egal ob Kinder oder Einwanderer, auch diese werden irgendwann das Rentenalter erreichen, so dass wieder mehr mehr Kinder geboren\/Einwanderer ins Land geholt werden m\u00fcssen, um die Ratio aufrechtzuerhalten, und dann wieder mehr, usw. und so fort &#8211; ein Kreislauf, der einfach nicht aufrechtzuerhalten ist.<\/p>\n<p><strong>Weniger Menschen, mehr Lebensqualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Ziel kann also nur eine stabile Bev\u00f6lkerung sein &#8211; aber diese muss keinesfalls bei 80 Millionen liegen. Im Gegenteil, eine kleinere Bev\u00f6lkerung w\u00e4re f\u00fcr Deutschland weitaus vorteilhafter. Nur mal ein kleines Rechenexempel:\u00a0Im Jahr 2006 betrug die deutsche Bev\u00f6lkerung 82,64 Millionen. Damit stand pro Person 1,86 gha Biokapazit\u00e4t zur Verf\u00fcgung. Der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck pro Person lag jedoch bei 4,03 gha. Das hei\u00dft, die \u00dcberschreitung der Biokapazit\u00e4t, und damit die Abh\u00e4ngigkeit von importierter Biokapazit\u00e4t, lag bei 53,8%. Unter Zugrundelegung des Pro-Kopf-Fu\u00dfabdrucks h\u00e4tte die in Deutschland verf\u00fcgbare Biokapazit\u00e4t nur ausgereicht, um 46,2% der Bev\u00f6lkerung auf Dauer zu versorgen. Die maximal tragbare Bev\u00f6lkerung f\u00fcr Deutschland l\u00e4ge damit bei \u2013 Achtung, festhalten \u2013 38,40 Millionen. Damit ist Deutschland offiziell \u00fcberbev\u00f6lkert.\u00a0 Und wir regen uns auf, weil wir auf 70 Millionen schrumpfen?!<\/p>\n<p><strong>Arbeitslose oder Beitragszahler?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht jedes Kind wird einmal zum Beitragszahler. Wir m\u00fcssen gar nicht das Schlimmste annehmen &#8211; etwa dass der kleine Schatz einmal arbeitslos, straff\u00e4llig oder gar Beamter wird. Es besteht immer die M\u00f6glichkeit, dass jemand krank und arbeitsunf\u00e4hig wird, sich selbst\u00e4ndig macht oder &#8211; was Unionspolitiker ja immer besonders freut -beschlie\u00dft, dass\u00a0dann ja\u00a0die n\u00e4chste Generation\u00a0erst mal mit dem Beitragszahlen anfangen kann, w\u00e4hrend er (oder eher sie) als Hausfrau und Mutter zuhause bleibt.\u00a0 So viele Unw\u00e4gbarkeiten&#8230; gar keine Unw\u00e4gbarkeiten hingegen gibt es bei der Tatsache, dass jeder von uns die Gesellschaft ersteinmal Unsummen kostet, bis er \u00fcberhaupt soweit ist, irgendwann etwas zur\u00fcckgeben zu k\u00f6nnen: Kindergeld, Krankenmitversicherung, Schule, ggf.\u00a0Universit\u00e4t, M\u00fcll, Elektrizit\u00e4t, \u00f6ffentlicher Nahverkehr,&#8230; ja, Kinder kosten Geld. Und zwar in erster Linie den Staat.<\/p>\n<p><strong>Auch die Jungen m\u00fcssen versorgt werden<\/strong><\/p>\n<p>Nicht die Jungen versorgen die Alten, sondern die Erwerbst\u00e4tigen mittleren Alters versorgen die Alten UND die Jungen. Und zwar auch in Zukunft in weitaus weniger dramatischem Ausma\u00df als vorausgeunkt. Im Gegenteil, der Belastungsquotient (die Anzahl der Alten und Jungen, die auf\u00a0eine Person im erwerbsf\u00e4higen Alter\u00a0kommen), war in der Vergangenheit in der BRD h\u00f6her als heute und noch in den n\u00e4chsten zwanzig Jahren, und wird auch zwischen 2030 und 2050 gegen\u00fcber den H\u00f6chstwerten Anfang der 70ger Jahre nur geringf\u00fcgig ansteigen. Danach ist wegen des Versterbens der \u00e4ltesten Babyboomer mit einer erheblichen Verj\u00fcngung der Bev\u00f6lkerung zu rechnen. Au\u00dferdem sei hier kurz daran erinnert, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa w\u00e4hrend des gesamten 20. Jahrhunderts erheblich angestiegen ist. Und trotzdem haben wir es zu Wohlstand gebracht und tragf\u00e4hige soziale Sicherungssysteme aufgebaut.<\/p>\n<p><strong>Politik statt Biologie<\/strong><\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die Sozialversicherungssysteme ist ohnehin nicht die Anzahl der Erwerbs<strong><em>f\u00e4higen<\/em><\/strong>, sondern der Erwerbs<em><strong>t\u00e4tigen<\/strong><\/em>, genauer: der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse. Und da lie\u00dfe sich auch von Seiten der Politik einiges drehen: zum Beispiel eine R\u00fccknahme der Erleichterungen f\u00fcr geringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze\u00a0und\u00a0Aufnahme der Beamten und Selbst\u00e4ndigen in die gesetzliche Sozialversicherung.<\/p>\n<p>Das sind nur einige der Punkte, die uns in der \u00f6ffentlichen Debatte gerne vorenthalten werden.\u00a0 Wie es der Zufal will, habe ich in weiser Voraussicht bereits\u00a0ein ganzes <a href=\"http:\/\/www.herbig.net\/gesamtverzeichnis\/sachbuch\/einzelansicht\/product\/\/kinderfrei.html\">Buch<\/a> \u00fcber die Thematik geschrieben. Wir m\u00fcssen uns n\u00e4mlich endlich verabschieden von dem r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Denken, das Bev\u00f6lkerungswachstum mit wirtschaftlicher und politischer St\u00e4rke gleichsetzt. Die Verh\u00e4ltnisse haben sich dramatisch ver\u00e4ndert,\u00a0und diese Entwicklung wird sich in Zukunft noch verst\u00e4rken.\u00a0\u00a0Im 21. Jahrhundert gilt: weniger sind mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Willen\u00a0einiger junger Unionspolitiker sollen\u00a0Kinderlose k\u00fcnftig ab dem Alter von 25 Jahren mit einer Sonderabgabe belegt werden, weil, so die altbekannte Leier, angeblich\u00a0die sozialen Sicherungssysteme\u00a0 nicht funktionieren, wenn zu wenig Kinder geboren werden. 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